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EDITORIAL |
Als ich im Sommer 1992 in den Natioanl Archives in Windhoek/Namibia forschte, hatte ich das Glück, eine Akte, die zukünftig aus konservatorischen Gründen nicht mehr für das Publikum zugänglich sein wird, noch einmal selbst in die Hand nehmen zu dürfen. Ich begriff etwas. An einem der Dokumente aus dem Nachlaß des alten Chief Kamaharero klebte noch ein wenig Kuhmist, vielleicht auch Erde. Die Frabe der Tinte habe ich vergessen, das Papier war blau. Heute liegt alles schwarz auf weiß vor mir, aber der Photokopierer hat die Handschrift nicht auslöschen können. Warum hatte ich so ein feierliches Gefühl? Schließlich wollte ich doch nur etwas wissen, eine Information haben. Diese liefert eine verfilmte Akte oder eine Abschrift ebenso. Dennoch das Gefühl des Begreifens. Dieses Gefühl der Authentizität, der »Echtheit« des Papiers überträgt sich auf den Inhalt und der Historiker fühlt sich als Archäologe, der Stück für Stück die Überreste der Vergangenheit ausgräbt und sie wie Scherben einer Vase zusammensetzt. Die Vase steht dann für die materielle Kultur längst verstorbener Menschen, und das Dokument ist Fragment der Geschichte. So weit, so schön und falsch...
Gesine Krüger, Hamburg im Juli 1993
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